03.10.15 19:27
amazonasnicht registriert
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Re: Madeira August-September 2015
Auf alten Wegen
Zehn Jahre waren vergangen. In der Zwischenzeit hatten wir die Azoren, Kanaren, Seychellen, die Kleinen Antillen, Mauritius und La Reunion besichtigt und Vergleiche hergestellt. Vom Panorama her konnte sich nur La Reunion mit Madeira messen! Letztere ist eigentlich noch wilder, was natürlich mit den höheren Gipfeln zu erklären ist, doch so komprimiert war das französische Überseegebiet nicht. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Madeira unsere erste richtige Reise darstellte und uns auch deshalb ans Herz gewachsen war. Ein Hauch von Subjektivismus mag da schon sein, doch wer hat den denn nicht? Es ist halt wie die erste Liebe, die man ein Leben lang nicht vergisst
Nun gut, die "Westsahara" von Porto Santo - auch eine zusätzliche Erfahrung - war deshalb vor programmiert, um danach die viel abwechslungsreichere Landschaft von Madeira in vollen Zügen zu genießen. Das Bessere wird eben reserviert , also los geht`s:
Das Gefährt wählte den direkten Weg zur Rapida, sodass man nach wenigen Minuten die Südküste von oben bewundern konnte. Da war sie also wieder. Die steile, verworrene und gleichzeitig imponierende Südküste. Unterhalb, innerhalb und oberhalb der abschüssigen Landschaft waren sie, die terrassierten Häuser eines Volkes, das es im Laufe der Jahrhunderte alles andere, als einfach hatte. Diese wirklich nicht unbedingt menschenfreundliche Insel hat ihnen mehr abverlangt, als wir es auf anderen Eilanden vorfanden. Beim ersten Aufenthalt in Camara de Lobos sah ich mir diese enorm viele Bauten auf Stelzen an, ihre wahnsinnig abrupt fallenden Terrassen, ihre gepflegten Wege sowie ihr Selbstverständnis in so einer Gegend zu hausen. Als Fremder steht man eigentlich sprachlos da! Ich dachte auch an das Gefährliche einer solchen Landschaft: Man stelle sich nur vor, der Jao hat beim Nachbarn zu tief ins Glas geschaut und verliert auf dem Heimweg die Orientierung. Da muss er nichtmal bis zum Cabo Girao gehen, um einige hundert Meter in Richtung Hölle auf direktem Weg zurückzulegen ...
Der "durchlöcherte" Weg setzte sich anschließend in Richtung Cabo Girao fort. Selbstverständlich wurde dieses Kap als das höchste Europas (!!!) gepriesen, wonach die Autorin dieser Äußerung in Sachen Geographie instruiert wurde und klein beigab Hier hatte sich einiges verändert. Die durchsichtige Platte nach unten fand ich nicht schlecht, doch damit war meine Wenigkeit in der Zweiergruppe allein und damit - wie immer auf verlorenem Posten. War auch nicht so wichtig, denn man kommt doch auch durch offizielle Aprobation in den Genuss der bezaubernden Landschaft! In der Tat: wenn man bedenkt, was diese Menschen alles unternehmen mussten, um ein klitzekleines Stück Ackerland ihr eigenes nennen dürfen, ist man schon am Rande der Logik
Ribeira Brava - der nächste Abstecher - ist zeitgemäßer geworden. Man spricht sogar Deutsch! Für mich blieb hier allerdings eine Erinnerung wach, die das Tal in Richtung Hochland als faszinierendes Panorama darstellte. Da waren die Erwartungen nach einer Schönwetterfront schon groß. Was heißt eigentlich, schönes Wetter? Da fiel mir eine Begebenheit ein, die mir vor Jahren ein Bekannter erzählt hatte: Er war Mitglied einer Expedition in den Tschad. Irgendwann verloren sie die Orientierung und waren am Verdursten. Wie durch ein Wunder kam eine Karawanne vorbei und rettete sie. Als Dank durfte deren Chef sechs Wochen in Deutschland verbringen. Nach seiner Rückkehr musste er vor versammelter Mannschaft natürlich rapportieren, also fing er an: "Eines vorweg: ich war die ganze Zeit im Genuss eines wunderbaren Wetters: es hat nämlich jeden Tag geregnet!  " Seit dieser Wahrheit bin ich in Sachen "schönes Wetter" ziemlich vorsichtig .
Tatsächlich war das "schöne" Wetter auf meiner Seite. So kam ich in den Genuss eines für madeirensische Verhältnisse bestimmt einmaligen Talpanoramas. Dass dabei die Kanalisierung des dortigen Gewässers von sogenannten Umweltschützern kritisiert wurde, hat bei mir schon zu Nebeneffekten geführt, indem ihnen die Notwendigkeit solcher Maßnahmen "ziemlich nahe " gelegt wurde... Da gelingt es einigen Wenigen sich auch in den begrenzten Tallagen heimisch zu machen, und plötzlich stehen die "Gutmenschen" Gewehr bei Fuß, um ihnen zu erklären, dass sie die Natur verschandeln. Da fragt man sich schon: "Geht`s noch???" Die haben bestimmt keine Ahnung, was Platzregen auch in den Subtropen anrichten können - siehe nur Funchal!
Danach nahm der Weg seinen - für dortige Verhältnisse - normalen Lauf : Serpentinen folgten Serpentinen und diese wiederum ihren Vorgängerinnen. Der Ozean entfernte sich dabei kaum, aber die Blicke nach unten wurden ständig bewundernswerter, bis sich irgendwann - Zeit schien hier immens zu sein - der Wald öffnete und Paul da Serra überhand nahm. Diesen Teil von Madeira hatte ich etwas flacher im Gedächtnis - wahrscheinlich waren wir damals... woanders ausgestiegen. Diesmal jedoch erlebte ich die wahre Schönheit dieses abgelegenen Gebietes, in dem praktisch nur Kühe und Windräder irgendwie nicht ganz dazu passen, doch beiden sollte dies wurscht sein Natürlich beeindruckten mich die "Unebenheiten" am Rande dieses Hochlandes - samt ihrer Flora. Bedauernswert war die Abwesenheit der Fauna, wobei man nicht vergessen sollte, dass man sich auf einem Stück Festland befindet, das nie mit einem Kontinent verbunden war. In diesem Sinn sollte man doch froh sein, dass da Vögel und einige Krabbler das Gemüt etwas aufbauschen
Um die Mittagszeit ging es dann "normal" bergab. Irgendwo fiel mir ein Schild auf, das die Abzweigung zur Levada Ribeira de Janela, meinem Traum auf Madeira, andeutete. Schon damals wurde mir klar, dass es ein Traum bleiben sollte, denn kein Reisebüro bot dieses Ziel an. Da blieb nur noch der Trost übrig, im Leben noch herberen Rückschlägen ausgesetzt gewesen zu sein
Porto Moniz rückte dann immer näher. Als es erreicht wurde, kam irgendwie ein Gefühl der Gleichgültigkeit auf: Hier hatte sich nix verändert. Die Lavaküste war schon - für mich - ziemlich einladend, doch schien mir der Blick nach oben schon interessanter, denn das Abrupte ist an diesem Ort sogar für Madeira etwas extrem.
Die Fahrt bis Sao Vicente gehört ohne Zweifel zu den schönsten! Schade nur, dass die alte Straße entlang der Küste gesperrt war. Der Ort selber hat weniger zu bieten - von den dortigen Höhlen mal abgesehen.
Die Rückfahrt erfolgte über den Encumeada Pass. Leider versperrte der Nebel teilweise die Sicht, hätte jedoch auch schlimmer kommen können, denn einige Bekannte, die den Tag davor die gleiche Strecke passiert hatten, bekamen an dieser Stelle überhaupt nichts zu sehen - außer Nebel, natürlich... Uns jedenfalls öffnete sich zum ersten Mal ein Blick auf die "alpine Zone", doch darüber in einer der nächsten Folgen mehr, wie auch über Ribeiro Frio, wo eine Pause eingelegt wurde, um den dortigen Schnaps zu kosten - heißt irgendwie komisch...(weiß jemand, wie der heißt?)
Fazit: Alte Wege können immer wieder "neu" erscheinen! Es ist ähnlich, wie bei der Wanderung entlang einer Levada, bei der auf dem Rückweg Neuigkeiten zutage kommen, von denen man zuvor keine Kenntnis genommen hatte. Sicher sieht man das Ganze auch mit anderen Augen, wenn man sich im Voraus etwas intensiver mit dem Gebiet befasst hat. (Bilder werden nachgereicht)
Zuletzt bearbeitet am 03.10.15 23:33
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